Fachtagung „Verbinden. Benennen. Mit Haltung handeln“ – ein Rückblick
Am 2. und 3. Juli 2026 fand in Berlin die Fachtagung des Verbunds gegen Rassismus „Verbinden. Benennen. Mit Haltung handeln. Autoritäre Politiken im Feld Rassismus und rassismuskritische Interventionen“ statt.

Ausgangspunkt war die Tatsache, dass sich die politischen Bedingungen, unter denen rassismuskritische Arbeit stattfindet, grundlegend verändert haben. Autoritäre Diskurse werden anschlussfähiger, rassistische Positionen normalisieren sich und politische Maßnahmen, die Ausschluss und Kontrolle verschärfen, werden zunehmend als vermeintlich alternativlos präsentiert. Gleichzeitig geraten diejenigen unter Druck, die von diesen Entwicklungen betroffen sind und ihnen widersprechen: Beratungsstellen, Community-Organisationen, Bildungsprojekte und zivilgesellschaftliche Initiativen müssen ihre Arbeit immer häufiger rechtfertigen – gegenüber Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit.
Auch die Förderpolitik ist Teil dieser Entwicklung. Wenn Strukturen ihre Arbeit nicht mehr in der bisherigen Form finanzieren können, verschwinden nicht einfach Projekte. Es verschwinden Expertise, gewachsene Netzwerke, Räume für Betroffene und Möglichkeiten, Rassismus zu benennen und ihm etwas entgegenzusetzen.
Die Beiträge auf der Fachtagung haben zugleich gezeigt, wie wenig diese Entwicklung neu ist. Antirassistische Arbeit war nie eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit. „Sie hat es noch nie in die Charts geschafft“, wie es Studienrätin Saraya Gomis in ihrer Opening Keynote formulierte. Was sich verändert, ist die Intensität des Drucks – und die politische Frage, wie wir damit umgehen. Dabei ging es nicht allein um politische Analysen. Deutlich wurde auch, was diese Entwicklungen mit den Menschen und Organisationen machen, die rassismuskritisch arbeiten: Auch in den beiden Podiumsdiskussionen wurde von Müdigkeit, Erschöpfung und Resignation gesprochen, aber ebenso von Wut, Beharrlichkeit und dem Willen, sich nicht zurückzuziehen.
Doch die Fachtagung war keine Bestandsaufnahme des Rückzugs. Im Gegenteil: Immer wieder ging es um die Frage, wie aus den Erfahrungen des Drucks neue Formen der Zusammenarbeit entstehen können. Solidarität bedeutet, füreinander einzustehen, wenn Förderungen gestrichen und Organisationen delegitimiert werden. Solidarität bedeutet auch, die eigenen Räume kritisch zu betrachten, interne Widersprüche und Kritik von Außen auszuhalten und zu reflektieren, wie der Kultur- und Politikwissenschaftler Kien Nghi Ha betonte. Dazu gehört auch, Bündnisse über bekannte Grenzen hinaus zu suchen und dort zusammenzuarbeiten, wo es gemeinsame Anknüpfungspunkte für Veränderung gibt, auch wenn man nicht in allen Fragen übereinstimmt. Annita Kalpaka von „Ver/sammeln antirassistischer Kämpfe“ bezeichnete solche möglichen Bündnisse als „paradoxe Allianzen“. Denn einzelne Initiativen können diese Auseinandersetzungen nicht allein führen, wie Newroz Duman vom Solidaritätsnetzwerk der Betroffenen rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt betonte. Netzwerke sind deshalb keine zusätzliche Struktur neben der eigentlichen Arbeit – sie sind eine Voraussetzung dafür, dass diese Arbeit überhaupt weitergehen kann.
Die Fachtagung hat damit eine deutliche politische Botschaft formuliert: Rassismuskritische Infrastruktur ist kein Luxus, den man sich in guten Zeiten leisten kann. Sie ist gerade in Zeiten des autoritären Umbaus notwendig. Wenn Rassismus normalisiert wird, braucht es Wissen, Beratung und Community-Organisationen. Wenn Betroffene allein gelassen werden, braucht es solidarische Netzwerke. Und wenn zivilgesellschaftliches Engagement unter finanziellen und politischen Druck gerät, braucht es nicht weniger, sondern mehr Unterstützung.
Auch der Verbund gegen Rassismus steht vor diesem Widerspruch. Die Tagung fand in einer Situation statt, in der die Voraussetzungen für gemeinsame rassismuskritische Arbeit selbst zunehmend unsicher wurden. Dass der Verbund im kommenden Jahr nicht mehr in seiner bisherigen Form gefördert werden wird, ist deshalb nicht nur eine organisatorische Veränderung. Es wirft die grundsätzliche Frage auf, welche Infrastruktur eine Gesellschaft bereit ist zu tragen, wenn sie es mit der Arbeit gegen Rassismus und gegen autoritäre Entwicklungen tatsächlich ernst meint.
Die Antwort darauf kann nicht Resignation sein. Wir werden nicht akzeptieren, dass antirassistische Verbundarbeit dort verschwindet, wo ihre Finanzierung endet. Wir werden weiter Räume schaffen, Erfahrungen zusammenbringen, Widerspruch organisieren und nach neuen Formen der Zusammenarbeit suchen. Dabei gilt es, Erschöpfung nicht zu verschweigen, sondern gemeinsam mit ihr umzugehen. Und es gilt, trotz aller politischen Zumutungen an der Möglichkeit gesellschaftlicher Veränderung festzuhalten.
Die Fachtagung hat gezeigt: Es gibt viele Gründe, alarmiert zu sein. Aber ebenso viele Gründe, zusammenzukommen. Unsere Antwort auf den politischen Druck ist deshalb nicht Rückzug, sondern Solidarität, Organisierung und die gemeinsame Verteidigung von Räumen für eine rassismuskritische und solidarische Gesellschaft.
Videoaufnahmen der Paneldiskussionen
Noch mal reinschauen oder jetzt nachholen! Die beiden Podiumsdiskussionen sind ab sofort als Videos verfügbar: „Verbinden. Benennen. Mit Haltung handeln. Was bedeutet das heute?“ und „Solidarische Erinnerungsarbeit zwischen Anerkennung und Widerstand“.
Fotografische Eindrücke
Ein paar Eindrücke aus den beiden Tagen mit Podiumsdiskussionen, Workshops, Lesungen und künstlerischen Beiträgen.



































